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Rockgruppen haben manchmal Probleme mit Monster-Gitarren-Riffs, die sie geschrieben und gespielt haben. Sie werden leicht auf dieses eine Riff reduziert. Beispielsweise wird die Hard-Rock-Gruppe Deep Purple oft auf das Riff von Smoke on the Water reduziert. Jeder kennt es, bei jedem Auftritt der Gruppe muss es gespielt werden - dass diese Gruppen dann noch fast 20 andere Studio-Alben und weit mehr Live-Alben im Gepäck haben mit vielen weiteren Perlen, fällt kaum noch einem auf.
Die Gruppe "Heart" der beiden Schwestern Ann (geb. 19.6.1950) und Nancy Wilson (geb. 16.3.1954) hat ein ähnliches Problem: Das Gitarren-Intro des Superhits "Barracuda" ist jedem im Ohr, jeder reduziert die Gruppe Heart auch auf dieses Lied und dieses Gitarren-Intro. Und auch bei Heart liegt der gemeine Musik-Fan falsch: Heart hat noch weitaus mehr zu bieten als nur griffigen E-Gitarren-Rock. Heart verbinden eine weiche, akustische, fast folkloristische Seite (die Butterfly-Seite) und eine rockige, laute Seite (die Dog-Seite) in sich. Und mit diesen Stilrichtungen "Dog and Butterfly" wären wir auch schon bei den Alben der Gruppe.

Ich ärgere mich immer schon seit geraumer Zeit, dass mir meine Lieblingsgruppen immer erst bei der zweiten LP auffallen und ich erst bei der dritten LP so richtig Fan werde - und ich damit die Anfangszeit der Gruppe "verpasst" habe. So war es auch bei Heart.
Im Juli 1977 gab es in der damals noch mit Rock- und Pop-Musik bestückten ARD-Sendung "Musikladen" einen Auftritt von Heart, in dem sie "Barracuda" vorstellten. Der Titel lief in der Rubrik "LP-Tip" und als LP wurde "Little Queen" beworben. Kurze Zeit später kaufte ich mir die LP, wegen des Liedes Barracuda und wegen der zwei Schwestern (eine blond, eine dunkelhaarig). Auch der Rest der LP war sehr gut anzuhören, teilweise rockige Songs mit interessanten Texten und Melodien (Little Queen, Kick It Out), teilweise ruhige Lieder mit akustischen Instrumenten (Gitarre, Mandoline, Flöte) wie Love Alive und Dream of the Archer. Trotzdem: Das war nicht live und solange ich eine Band nicht live gehört habe, wird man nicht so richtig "Fan". Dass "Little Queen" bereits die zweite LP der Gruppe war, bekam ich damals noch nicht so richtig mit.
Die dritte LP "Dog and Butterfly" (1978 erschienen) entdeckte ich dann 1979 beim Test einer neuen Hifi-Anlage (siehe Vorstellung des Albums). Da der Auftakt-Titel dieser LP live eingespielt wurde, war ich gleich zweifach beeindruckt: (1) Heart kann live spielen und (2) Heart können neben rockiger, elektrischer Musik und akustischer, balladenhafter Musik auch beide Elemente verbinden - im Stil von Led Zeppelin, was eines der Vorbilder der Geschwister Wilson war.
Erst nach diesem dritten Album begann ich weitere zu suchen. Ich fand noch das geniale Debut "Dreamboat Annie", das bereits das Potential der Gruppe in diversen Liedern unterschiedlichen Stils hören ließ, und noch ein viertes Album "Magazine", das ohne Zustimmung der Gruppe Heart von ihrer alten Plattenfirma herausgebracht wurde, die sie nach der Produktion von "Dreamboat Annie" verlassen hatte. Der Grund dieses Wechsels der Plattenfirma ist im Text des Titels "Barracuda" verarbeitet. Unter All-Time-Songs wird dieser Titel und die Geschichte hinter dem Text noch näher beschrieben.
Da die alte Plattenfirma für "Magazine" nicht genug Material hatte, musste sie auch halbfertige Songs veröffentlichen. Diese "Füller" werten das Album auch etwas gegenüber vielen anderen Heart-Alben ab. Allerdings waren drei Füller echte Knaller: Der Nilsson-Schmillson Superschmalz-Song "Without You" kommt durch Ann Wilsons Stimme plötzlich zu besonderen Ehren - wahrscheinlich ist die Heart-Version die aufregendste Version dieses Schnulzenklassikers. Und dann gab es noch zwei Live-Titel, einen tollen Blues, und einen Song, der damals von der Kiki-Dee-Band zum Hit gemacht wurde: "I´ve Got The Music In Me". Und mit diesem Titel wurde ich dann zum überzeugten Heart-Fan. Die Live-Version von Heart übertraf den im Studio produzierten Kiki-Dee-Hit bei weitem. Gründe waren wieder Ann´s Stimme und die sehr druckvolle Band mit Nancy Wilson an der Gitarre und im Background-Gesang.
Die folgenden Alben "Bebe Le Strange", "Private Audition" und "Passionworks", die Anfang der 80er Jahre herauskamen, waren für Fans ein Muss, setzten sich in den Charts, insbesondere den Single-Charts, nicht mehr durch. Von "Bebe Le Strange" sind sicher noch mehrere Rock-Songs erwähnenswert, insbesondere ein Lied, bei dem der Titel schon aussagt, was Ann und Nancy dort veranstalten: "Rockin Heaven Down" ist nach langsamem, akustischem Beginn ein Rock-Kracher - am Ende ist der Himmel unten und diese Seite der LP zu Ende :-)
Während bis zu dieser Zeit die Gruppe Heart ihre Titel noch selbst geschrieben hatte, meist in der Kombination Ann Wilson, Nancy Wilson und Freundin Sue Ennis, wurden in der 1985 einsetzenden zweiten Phase mit neuem Plattenlabel, neuem Produzenten und neuer Band kommerzielle Hitschreiber angeheuert. Gleich das erste Album dieser zweiten Phase, das 1985 erschienene "Heart", wurde so zum Top-Seller. Mit "These Dreams", "What About Love?", "Never" und "Nothing At All" gab es vier Top-10-Hits in den USA, einen weiteren erfolgreichen Radiorenner mit "If Looks Could Kill". Natürlich wurde auch das Album Nummer 1. Die Kreativität und die akustischen Gitarren und Mandolinen waren leider dem Synthesizer-Gewitter untergeordnet worden. Der neue Produzent hatte in Hinsicht Radiokompatibilität ganze Arbeit geleistet. Auch die beiden Schwestern mussten sich ändern: Sie wurden zu "Big Hair Girls" mit High-Heels. Ann sagte später, ihre Fussnägel waren ab dieser Zeit niemals wieder wie vorher.
Trotzdem: Heart lebte, insbesondere der Gesang und das Gitarrenspiel der beiden Schwestern machten aus der Massenware musikalische Perlen. Das galt auch für das Nachfolgealbum "Bad Animals". Zwei Top-10-Hits ("Alone", "Who Will You Run To") und zwei weitere Radiorenner waren auf dem Album, das Nummer zwei in den Charts erreichte. Leider war keine der Singles mehr von Ann und Nancy geschrieben. Das beste Lied des Albums, das Titellied "Bad Animals", das von der Band selbst geschrieben wurde, wurde niemals als Single veröffentlicht - zu komplex, zu rockig.
Mit dem Album "Brigade" gab es noch ein drittes Album in dieser Periode, im Jahre 1990. Es stieg auf Platz 3 der Charts und hatte mit "All I Wanna Do Is Make Love To You" noch einen Top-10-Hit. Die Schwestern hatten aber langsam genug von dem Jet-Set-Leben auf High Heels.
Anfang der 90er begann somit die dritte Phase der Band Heart. Neben einer Studio-CD im Jahre 1993 ("Desire Walks On"), die verschiedene Stile der ersten und zweiten Phase mischte, und einem "unplugged" aufgenommenen Live-Album "The Road Home", das speziell die akustische Seite von Heart wieder hervorbrachte, starten Ann und Nancy Wilson mit der Band "Lovemongers" auch ein Blues-Projekt. Für viele waren diese 90er Jahre dann aber der Abgesang auf Heart. Zwar startete die Gruppe zur Jahrtausendwende hin noch eine USA-Tour, aber ansonsten konzentrierten Ann und Nancy sich auf Solo-Projekte. Für ihren Ehemann, den Filmregisseur Cameron Crowe, schrieb Nancy Wilson zum Beispiel die Fimmusik für Vanilla Sky und Almost Famous.
Der Abgesang auf Heart? Weit gefehlt. Im Sommer 2002 starteten Ann und Nancy Wilson mit vier neuen Begleitmusikern zur Summer-of-Love-Tour durch die USA. Zum Jahr 2003 erschien ein neues Best-Of-Album "The Essential Heart", das auf einer CD die Phase 1 und auf der zweiten CD die Phasen 2 und 3 chronologisch zusammenfasst. Der Höhepunkt ist nun sicher die DVD zur Summer-of-Love-Tour (die im Juni 2003 durch eine Live-Doppel-CD ergänzt wurde), mitgeschnitten beim letzten Konzert der Tour in der Heimatstadt der Wilsons, Seattle. Die Set-List besteht aus Dog-Songs der Phase 1 (Crazy On You, Barracuda, Magic Man), aus Butterfly-Songs dieser Phase (Dog and Butterfly, Love Alive, Dreamboat Annie), aus phantastischen Cover-Versionen (Battle of Evermore und Black Dog von Led Zeppelin, und selbst Elton John wird blass bei Nancy´s Mona Lisas and the Mad Hatters) sowie vier neuen Songs (etwa Sister Wild Rose, Two Faces of Eve, Break the Rock). Und der leider auf der "Essential Heart" fehlende Höhepunkt, das Opus "Mistral Wind" als Heart´s Kontrapunkt zu Led Zeppelin´s "Stairway to Heaven", ist auf der DVD auch enthalten.
Mit dieser Live-DVD haben sich Heart wieder eindrucksvoll zurückgemeldet. Faszinierend auch nach 28 Jahren noch Ann´s kraftvolle Stimme und Nancy´s virtuoses Gitarrenstil - und dieses sowohl auf der akustischen Gitarre als auch auf der E-Gitarre bei Monster-Riffs wie der ersten Minute von Barracuda. Es bleibt zu hoffen, dass in Europa die beiden Schwestern nicht nur durch dieses Riff oder durch die 80er Top-10-Hits bekannt werden, sondern durch ihre musikalische Vielseitigkeit und Qualität.
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